Leseprobe
Vorgeschichte
Die Kirche lehrt uns, dass es der Hochmut der Menschen war, der die Uedkult in unsere Welt brachte. Die Magier wollten den Himmel an sich reißen, doch sie haben ihn vernichtet. Sie wurden verderbt und durch ihre eigene Verderbtheit verflucht. Sie kehrten als Monster zurück, als die Ersten der Uedkult. Als Verderbnis fielen sie über die Erde her. Unaufhaltsam und unerbittlich. Als Erstes fielen die Königreiche der Zwerge. Aus den tiefen Gruben griffen uns die Uedkult immer und immer wieder an, bis wir kurz vor der Auslöschung standen. Doch dann kamen wir, die Tempelwächter, Männer und Frauen aller Rassen, Barbaren und Könige. Wir opferten alles, um den Uedkult Einhalt zu gebieten, und siegten.
Dieser Sieg liegt Jahrhunderte zurück. Wir stehen auch heute noch Wache, immer gut gerüstet und auf die Uedkult wartend. Doch die, die uns einst Helden nannten, haben uns heute vergessen. Wir sind nur noch wenige, und unsere Warnungen wurden zu lange ignoriert.
Torben Jotha, Hauptmann der Tempelwächter
In den Jahren vor der Verderbnis, als die Kirche noch eine Einheit war, gab es drei Unterteilungen in der Kirchenarbeit. Es gab die Prediger, die das Wort des Schöpfers weitergaben. Dann gab es die Templer, die auf die Einhaltung der Gesetze achteten. Schließlich waren da noch die Wunderwirker, die heilen konnten und andere Wundertaten vollbrachten. Als den Wunderwirkern bewusst wurde, dass sie viel mehr Macht in ihren Händen hielten als einfache Heiler und das Leben und Tod in ihren Händen lag, wollten sie sein wie der Schöpfer. So taten sich die Mächtigsten unter ihnen zusammen und gründeten einen geheimen Kult, den Uedkult. Das Ziel des Uedkults war es, ein Portal zu öffnen, um in die Welt des Schöpfers zu wechseln und selbst zu Göttern zu werden. Doch auf der anderen Seite des Portals war das Nichts. Das Nichts nahm ihnen ihre Körper und ihre Persönlichkeit und ließ sie aus ihren stärksten Gedanken neu entstehen. Da ihr stärkster Gedanke aber ihr Hass war, den sie in ihrem Kult gebündelt hatten, kamen sie als Wesen der Verderbtheit zurück. Ihr ganzes Wesen war auf die Vernichtung der Erde ausgerichtet. Am Anfang versuchte man sie noch wie Kranke zu behandeln. Doch immer wenn man sie fragte, was sie gesehen hatten und was geschehen war, bekam man nur „Ich bin Uedkult!“ zur Antwort.
So kämpften die Templer gegen die Uedkult und versagten. Als das Reich der Zwerge fast schon vernichtet war, entschied man sich, mit Magie gegen Magie zu kämpfen. Alle, die gegen die Uedkult kämpfen wollten, wurden in einem speziellen Turm von den Templern ausgebildet, auch Magier. So kamen alle Rassen und Volksschichten zusammen. Sie wurden ausgebildet zu Tempelwächtern. Die Tempelwächter waren auf wundersame Weise immun gegen die Uedkult. Ihre Zahl nahm schnell zu, und sie schafften es, die Uedkult zu besiegen. Doch war auch noch ein großer Dämon aus dem Nichts gekommen, der ebenfalls von den Tempelwächtern besiegt werden musste.
Nach diesem Krieg wurden alle Magier, die keine Tempelwächter waren, getötet. Was damals geschah, sollte sich nie wieder wiederholen. Die Magier aber, die als Tempelwächter gedient hatten, durften in dem Turm der Tempelwächter wohnen. Mit der Zeit geriet alles in Vergessenheit, nur das Verbot der Magie blieb aufrecht. Wenn ein Kind mit der Gabe der Magie geboren wurde, musste dies gemeldet werden. Je nach Alter des Kindes wurde es entweder in den Turm gebracht oder getötet.
Fortführung
Der Holzboden in der kleinen Hütte knarzte. Es war feucht und muffig, da es schon seit drei Tagen unablässig regnete. Lange würde diese Hütte das nicht mehr mitmachen, wusste Franziska. Wenn sie sich umsah, erblickte sie nur Trostlosigkeit. Die kleinen Fenster waren schon lange nicht mehr geputzt worden. Der getrocknete Lehm in der Holzwand löste sich langsam auf. Dreck quoll aus den Ritzen hervor. Doch im Ofen war gut eingeheizt und rechts neben dem Ofen stand ein mit klein gehacktem Holz gefüllter Korb. Der dicke Eichentisch im Wohnraum war sauber geschrubbt und mit kleinen Zwergen und Elfen aus Holz dekoriert. Auch die drei Schemel und der Hochstuhl, die um den Tisch standen, waren auf Hochglanz gebracht. In dem Hochstuhl saß ihr ganzer Stolz, ihr Sohn Heinz. Heute war sein dritter Geburtstag. Sein Vater war hingerichtet worden, als Franziska noch mit Heinz schwanger war. Zum Glück hatte sie damals ihre Schwangerschaft vor den Templern verbergen können. Hätten die Templer gewusst, dass sie von einem Magier schwanger war, so hätte man vielleicht auch sie getötet. Doch jetzt sollte der kleine Magier erst einmal seine Torte bekommen. „Seine Torte! Hoffentlich ist sie noch nicht angebrannt.“ Schnell rannte Franziska hinüber in den Küchenbereich, wo ein paar Pfannen und Töpfe von der Decke baumelten. Sie griff nach einem alten Lumpen und öffnete die Ofentüre. Vorsichtig schob sie ein Holz unter die Kuchenform und zog den Kuchen heraus. Er war etwas dunkler als geplant, aber kaum verbrannt. Als sie den Kuchen auf den Tisch stellte, wurde es plötzlich leiser. Der Regen klatschte nicht mehr aufs Dach, und auch die Fenster blieben trocken. Es wurde zunehmend wärmer im Raum. Sie warf einen Blick durch ein Fenster und erschrak. Mindestens einen Meter um das Haus herum fiel kein Regen. Es war so, als ob man eine Glocke über das Haus gestülpt hätte. Aber Franziska konnte sich nicht darüber freuen: Zeigte das doch eindeutig, dass hier jemand war, der Magie betrieb. Noch bevor sie Heinz darum bitten konnte, damit aufzuhören, wurde die Türe eingeschlagen. Vier starke Männer in silbernen Rüstungen betraten den Raum. Über ihren Rüstungen trugen sie weiße Überwürfe mit einem roten Kreuz darauf; es waren Templer.
„Wo ist der Magier“ donnerte die Stimme des Templers, der als Erstes den Raum betreten hatte.
Franziska stellte sich vor den Hochstuhl, und versuchte die Dumme zu spielen. „Von was für einem Magier sprecht ihr? Hier sind nur mein Sohn und ich. Wir feiern gerade seinen dritten Geburtstag.“
„Dann müssen wir wohl selbst herausfinden, wer der Magier ist“, sprach der Templer nun in einem ruhigeren Ton.
Noch ehe Franziska reagieren konnte, hatte der Templer sein Schwert aus der Scheide gezogen und ihr den Kopf abgeschlagen. Nun flogen plötzlich die Schemel, die Holzfiguren und die Holzscheite aus dem Korb in Richtung Templer. Während sich der Templer auf den Boden warf, um den Geschossen auszuweichen, rief er seinen Kameraden zu: „Schnappt euch den Jungen! Er ist der Magier!“
Die Templer wehrten die Geschosse mit ihren Schilden ab, griffen sich den Jungen und fesselten seine Hände auf dem Rücken. Plötzlich hörten die Sachen auf, durch den Raum zu fliegen, denn der kleine Heinz setzte nun seine ganze Energie dafür ein, seine Fesseln loszuwerden. Dadurch verbrauchte er so viel Kraft, dass er vor Erschöpfung einschlief. So nahmen die Templer den schlafenden Heinz und verließen das Haus.
Der Weg war schon gar nicht mehr als solcher zu erkennen. Eine braune Brühe, die mit jedem Regentropfen an den Umhängen hoch spritzte, bedeckte den Boden. Die Häuser waren nur schemenhaft zu erkennen. Die Templer liefen, so schnell es der matschige Boden zuließ, durch das Dorf. Weiter nach Norden führte der Weg durch den Wald. Kein vernünftiger Mensch würde bei diesem Wetter durch den Wald gehen, doch die Templer konnten nicht auf besseres Wetter warten. Sie mussten schnell den Turm erreichen, bevor Heinz wieder aufwachte. So kletterten sie über umgestürzte Baumstämme und versanken manchmal bis zum Bauch im Wasser, das sich in großen Löchern gesammelt hatte.
Ankunft
Es war schon fast Mitternacht, als die Templer den Turm erreichten. Am Tor wurden sie vom wachhabenden Offizier in Empfang genommen. Dieser führte sie in die Turmspitze, zum Ordensführer.
„Hier bringe ich euch einen Neuzugang. Wir haben ihn entdeckt, als er in einem Haus gezaubert hat“, sprach der Hauptmann.
„Da habt ihr ja eine Glanzleistung vollbracht“, erwiderte Pendrax, der Ordensführer. „Ich nehme an, dass ihr ziemlich viel Probleme hattet. Es handelt sich ja immerhin um ein Kleinkind. Bei seinem Wissen könnte er bestimmt die ganze Welt mit einem Fingerschnippen zerstören. Wirklich gefährlich.“ Pendrax brach in schallendes Gelächter aus. „Sagt mir wenigstens, wie der Knabe heißt, oder ist das auch zu schwierig für euch?“
„Die Frau, der wir ihn entrissen haben nannte ihn Heinz.“ stammelte der Hauptmann.
„Hat diese Frau auch einen Namen? Wo ist sie eigentlich? Es wäre doch wohl vernünftiger gewesen, die Frau mitzubringen“, erwiderte der Ordensführer.
„Ortin. Ja, ich bin mir sicher das an dem Haus Ortin stand. Die hat sich aber so arg gewehrt, dass wir sie töten mussten. Sonst hätten wir den Jungen gar nicht bekommen. Sie hat ihm immer wieder gesagt, welche Formeln er gegen uns anwenden soll. Es blieb uns wirklich keine andere Wahl.“
„Ihr seid ein Narr, Wilmort. Nur weil Ihr die Kleidung der Kirche tragt, glaubt Ihr alles zu wissen. Eine Nichtmagierin kann niemandem irgendwelche Formeln sagen. Einmal ganz davon abgesehen, dass Ihr gar nicht mehr am Leben wärt, wenn man Blutmagie gegen Euch eingesetzt hätte. Geht lieber, bevor Ihr Euch noch mit Eurer Zunge selbst verletzt.“
Wutentbrannt verließ der Hauptmann den Raum, ohne sich noch einmal umzudrehen. Heinz und Pendrax blieben alleine. „Was machen wir nun mit dir, junger Mann?“ überlegte Pendrax. „Am besten wird es wohl sein, wenn sich Leandro um dich kümmert.“ Daraufhin verließ Pendrax mit Heinz das Büro und ging nach unten, zu den Schlafsälen. Er legte Heinz in ein Bett und deckte ihn liebevoll zu.
Die Läuterung
Als Heinz heute die Augen aufschlug, erinnerte er sich wieder. Vor genau 13 Jahren, an seinem dritten Geburtstag, war eine Gruppe von Templern vorbei gekommen und hatte ihn seinen Eltern weggenommen. Man hatte bei ihm die Gabe der Magie festgestellt. Für die meisten Menschen wäre das der Grund für ein Todesurteil gewesen. Doch ihn brachten sie in den Turm. In den 13 Jahren hatte er viel gelernt.
Eine der wichtigsten Regeln war die Geschlechtertrennung. Es gab keine weiblichen Magier. Frauen wurden zu Priesterinnen ausgebildet. Diese waren in einem eigenen Trakt untergebracht, den Männer nicht betreten durften. Nur bei den heiligen Zeremonien sahen diese die Priesterinnen. Doch durften sie nur in Verbindung mit ihrer Arbeit mit ihnen reden. Private Gespräche waren streng untersagt.
Eine andere Regel war die Art der Ausübung. Magie durfte nie mit Blut bekräftigt werden. Wer Blutmagie ausübte, wurde mit dem Tode bestraft. Auch die Ausübung von Magie in Abwesenheit eines Meisters war verboten, solange die Prüfung nicht bestanden war. Niemand erzählte jemals etwas über die Prüfung. Wer sie absolviert hatte, wurde zum Schweigen verpflichtet. Wer sie nicht bestanden hatte, konnte nicht mehr darüber sprechen, da er tot war.
Heute war der Tag seiner Prüfung.
Er stieg die Stufen hinab und betrat die große Halle. Die Magiermeister standen dort im Kreis und warteten auf ihn. Von der Türe bis zur Mitte des Raums, wo ein Kelch stand, standen die Templer Spalier. Zügig ging er auf den Kelch zu, wo Pendrax auf ihn zu trat.
„Heinz, die Magie, die in dir wohnt, wird immer wieder versucht werden. Dämonen aus dem Nichts werden kommen, um dich zu kontrollieren. Deshalb gibt es die Läuterung. Das Ritual schickt dich ins Nichts, wo du auf einen Dämonen treffen wirst, gerüstet nur mit deinem Willen. Bist du bereit, diesen letzten Schritt zu tun?“
Obwohl er sich die ganzen Jahre auf die Läuterung vorbereitet hatte, war Heinz jetzt doch etwas unsicher geworden. „Gibt es nicht auch eine andere Möglichkeit?“, wollte er deshalb wissen.
Pendrax antwortete: „Da wäre die Besänftigung. Doch ist der Verlust der Magie eine Option? Nein. Du wirst diese Prüfung bestehen. Wenn du sie nämlich nicht bestehen würdest, würden die Templer ihre Pflicht tun und dich töten. Doch du bist soweit und wirst bestehen. Greif nun in den Kelch und wechsele über ins Nichts.“
Heinz griff in den Kelch, und der Raum begann sich um ihn zu drehen.
Als wieder alles zur Ruhe kam, stand er auf einem gepflastertem Weg. Rechts und links war der Weg von Bäumen gesäumt. Plötzlich schoss ein Blitz auf ihn zu. Als er merkte, dass von links ein weiterer Blitz auf ihn zukam, schoss auch er einen Strahl aus seinen Händen ab. Heinz konnte nicht feststellen, wen oder was er getroffen hatte, aber der Beschuss hörte erst einmal auf. So ging er in die Richtung, aus der die Blitze kamen. Es wurde schon wieder auf ihn geschossen, doch jetzt war er vorbereitet. Als er zwischen den Bäumen etwas aufblitzen sah, schoss er sofort und lief weiter in die Richtung. Plötzlich stand er einer Ratte gegenüber.
„Schon wieder jemand, der den Wölfen zum Fraß vorgeworfen wurde. Es ist nicht richtig, dass sie das tun, diese Templer. Weder Euch, noch mir, noch sonst jemandem gegenüber“, sprach die Ratte zu Heinz.
Er war überrascht - nicht nur, weil er wie ein hoher Herr, in der dritten Person angesprochen wurde, sondern weil er von einer Ratte angesprochen wurde. „Ist ... das hier das Nichts?“ fragte Heinz etwas stockend.
„Es ist immer das Selbe.“ antwortete die Ratte und verwandelte sich dabei in einen jungen Magier. „Lasst mich Euch im Nichts willkommen heißen. Nennt mich einfach ... Maus.“
„Ihr könnt Eure Gestalt verändern?“, wunderte sich Heinz.
Der junge Magier antwortete: „Dieser Ort ist nicht so real wie Ihr es kennt. Hier ist man das, was man glaubt zu sein. Ich denke, ich war früher einmal wie Ihr. Die Templer töten jeden, der zu lange braucht. Ich schätze, genau das haben sie mit mir gemacht. Ich habe keinen Körper mehr, in den ich zurückkehren könnte. Und es bleibt nicht mehr viel Zeit, bis es Euch ebenso ergeht.“
„Wieviel Zeit bleibt mir genau?“
„Ich ... ich kann mich nicht erinnern. Ich bin weggerannt und habe mich versteckt. Ich weiß nicht, wie viel Zeit vergangen ist.“
„Was muss ich denn hier tun?“
„Hier ist etwas eingesperrt. Ein Dämon, dem Ihr widerstehen müsst. Das ist Euer Weg hier heraus, oder der Eures Gegners, wenn die Templer euch nicht töten würden. Für Euch ist es eine Prüfung, für die Wesen des Nichts eine Verlockung.“
„Aber alles kann sterben“, meinte Heinz. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass es so einfach sein sollte.“
„Es wäre töricht, einfach alles anzugreifen, was ihr seht. Euer Widersacher ist mächtig und klug. Hier sind noch ganz andere Geister. Sie können Euch mehr erzählen und vielleicht auch helfen, wenn Ihr in der Lage seid, alles zu glauben, was ihr seht. Wenn es Euch Recht ist, folge ich Euch. Ich hatte meine Chance vor langer Zeit, doch Ihr könntet einen Ausweg finden.“
„Nicht weit entfernt ist ein gefährlicher Geist“, warnte Maus. „Ihr solltet ihm euch erst nähern, wenn Ihr bereit seid.“
Daraufhin setzte Heinz seinen Weg fort. Der Weg blieb nicht eben. Manchmal musste Heinz so laufen, dass er glaubte, auf dem Kopf zu stehen. Doch an diesem seltsamen Ort durfte man sich über nichts mehr wundern. Da sah er rechts neben sich eine Plattform auftauchen, die von Lava umgeben war. Nur ein schmaler Weg führte auf die Plattform.
„Dies ist der Ort, an dem Ihr Eurer Prüfung unterzogen werdet. Sobald der Dämon glaubt, dass Ihr bereit seid, wird er hier erscheinen. Deswegen solltest Ihr keine Zeit verschwenden und Euch Hilfe bei den anderen Geistern holen.“ Und wieder wurde Heinz mit Blitzen beschossen. „Schnell, lasst uns gehen“, meinte Maus. „Ihr solltet den Blitzen folgen, aber Euch nicht von ihnen treffen lassen. Vielleicht solltet Ihr Euch verteidigen, aber achtet immer darauf, das Ihr nie angreift.“
Heinz versuchte die Blitze abzuwehren, indem er genau auf die Blitze zielte und nicht auf den Ort, von dem sie kamen. So lief er immer weiter in Richtung der Quelle der Blitze. Als er auf einer Anhöhe links von sich einen humanoiden Geist sah, hörte der Beschuss auf.
Heldenmut
„Er scheint stark zu sein“, meinte Maus. „Vielleicht kann er Euch helfen.“
Heinz schaute sich den Geist genau an. Er sah aus wie ein Samurai. Allerdings trug er einen Helm, wie ein Ritter, weshalb man nur seine Augen sehen konnte, die wie Feuer glühten. Auf seinen Schultern hatte er etwas, das wie ein Stachelpanzer aussah, und ein langes Schwert steckte in einer Scheide an seinem Rücken. Hinter ihm standen mehrere Ständer mit verschiedenen Schwertern darin - Säbel, Macheten, Einhandschwerter, Bidenhänder und mehr. Auch dieser Platz war von brennender Lava umgeben.
„Schon wieder ein Sterblicher, den man ins Feuer geworfen hat“, meinte der Geist. „Eure Magier haben sich eine feige Prüfung ausgedacht. Ihr solltet lieber mit euren Fähigkeiten gegeneinander antreten, statt euch unbewaffnet einem Dämon zu stellen.“
„Warum sollten wir gegeneinander antreten? Dies ist doch eine Prüfung zur Läuterung des Geistes.“
„Aber sie lassen euch gegen einen Dämon kämpfen. Ob mit Magie oder Waffen, um zu siegen müsst Ihr ein Krieger werden. Da Ihr noch hier seid, habt Ihr Euren Jäger noch nicht besiegt. Ich wünsche Euch eine glorreiche Schlacht.“
„Habt Ihr alle diese Waffen hinter Euch geschaffen?“
„Sie gewinnen durch Magie Leben. Ich hörte, dass in eurer Welt nur Magier Dinge durch Willenskraft erschaffen können. Das Leben der Sterblichen, die das nicht können, muss hohl und leer sein.“
„Dann seid Ihr vielleicht der richtige Geist für mich. Könnt Ihr mir helfen?“
„Natürlich. Ihr seid nicht der erste Sterbliche, der darum ersucht. Aber ich bin nicht hier, um euch zu helfen. Mein Ziel ist es, die perfekte Waffe zu schaffen, mit der dann jemand wahren Heldenmut beweisen kann.“
„Würde dann eine dieser Waffen auch bei dem Dämon Schaden anrichten?“
„Ganz ohne Zweifel. In dieser Welt ist alles, was existiert, nur Verstofflichung eines Gedankens. Sind diese Klingen für Euch aus Stahl, diese Stäbe aus Holz? Glaubt Ihr, damit Wunden schlagen zu können? Eine Waffe ist nichts als der Wunsch nach Kampf. Mein Wille macht daraus Realität. Wollt Ihr wirklich eine meiner Waffen haben? Ich gebe euch eine, wenn Ihr vorher im Duell gegen mich antretet. Heldenmut wird prüfen, aus welchem Holz Ihr geschnitzt seid.“
„Angenommen, ich würde zustimmen, wie lauten dann die Regeln für Euer Duell?“
„Wenn ich glaube, dass Ihr dem Dämon gewachsen seid, breche ich das Duell ab und gebe Euch den Stab. Andernfalls erschlage ich Euch. Sind die Regeln einfach genug, um sie nicht zu vergessen, Sterblicher?“
„Gut, dann duellieren wir uns... Heldenmut.“
„Wie Ihr wünscht... Sterblicher. Habt Ihr die Regeln verstanden, die ich Euch genannt habe?“
„Ja, ich verstehe sie.“
„Damit beginnt unser Duell. Kämpft mit Heldenmut.“
Langsam zog er das Schwert von seinem Rücken hervor, während Heinz seine Hände vor sein Gesicht hielt und auf den Angriff wartete. Noch bevor Heinz ausweichen konnte, kam ihm schon die Klinge entgegen und streifte ihn am linken Unterarm. Es schmerzte, und Blut spritzte aus seinem Arm. Auch wenn die Klinge durchsichtig war und aussah, als ob sie nur aus Nebel bestehen würde, hatte sie ihn doch verletzt. Beim nächsten Schlag wich er geschickt aus und schlug auf den weichen Samuraiumhang, in Höhe des Herzens. Doch den Geist schien das nicht zu stören. Um den nächsten Schlägen auszuweichen, murmelte er „Arma lapis“. Seine Haut verhärtete sich, sodass die Klinge nicht mehr eindringen konnte. Nun schlug er noch einmal zu. Dieses Mal schien es der Geist zu spüren. Schnell hob er die Hände und rief in einem fort „Fulgére! Fulgére! Fulgére!...“ Ein Blitz nach dem Anderen schoss aus seiner Hand. Heinz wich weiter den Schwertangriffen aus und zielte mit seiner Hand in Richtung des Herzens, des Geistes.
„Genug!“, rief der Geist. „Eure Stärke reicht für Eure Aufgabe aus. Der Stab ist Euer. Möget Ihr Ruhm bei all euren Vorhaben finden, Sterblicher.“
Der Geist griff in die Luft und hielt plötzlich einen zwei Meter langen Stab in der Hand. Unten hatte der Stab wohl einen Durchmesser von zwei Zentimetern, während der Kopf einen Durchmesser von zehn Zentimetern aufwies. Dieser Stab war nicht durchsichtig. Er schien aus einem schwarzen Holz gemacht zu sein. Doch Heinz kannte kein Holz, das so dunkel war. In der Mitte des Kopfes war ein gelber Stein. Dieser sah jedoch nicht so aus, als ob er dort eingesetzt worden war, sondern als ob er dort drinnen gewachsen war. Seltsamerweise war der Stab auch nicht zu schwer. Bei der Größe hätte er doch mindestens fünf Kilo wiegen müssen, doch Heinz spürte kaum sein Gewicht.
„Danke, Heldenmut. Ich werde den Stab in Eurem Sinne einsetzen und den Dämon besiegen.“
Trägheit
Als sich Heinz umdrehte, um nach weiteren Blitzen Ausschau zu halten, kam ein durchsichtiger Wolf auf ihn zugelaufen.
„Seid vorsichtig!“, rief Maus. „Das ist ein Seelenwolf. Erinnert Ihr euch an die Geschichten über Werwölfe? Wenn dieser Wolf Euch hier tötet, übernimmt er Euren Körper in Eurer Welt. Dann wird er andere Körper in eurer Welt suchen, deren Seelen er dann ins Nichts schickt, damit die anderen Seelenwölfe die Körper in Besitz nehmen können.“
Schnell zog Heinz den Stab und hieb mit dem Kopf auf den Wolf ein. Schon nach zwei Schlägen löste sich der Wolf vor ihm auf. Doch kamen jetzt zwei weitere Wölfe auf ihn zu. Einer kam von vorne und einer von hinten. Zur Probe wirbelte Heinz den Stab über seinem Kopf herum. Ohne Mühe konnte er den Stab über sich drehen. So ließ er sich fallen und drehte den Stab weiter über sich. Die Wölfe liefen direkt in den Stab hinein. Als sie an ihren Köpfen getroffen wurden, spritzte Nebel in der Gegend umher, als ob es Blut wäre. Danach lösten sich die Wölfe auf. Als Heinz wieder aufstand, sah er in einiger Entfernung einen Bären auf dem Weg liegen. Der Bär war allerdings nicht durchsichtig, sondern hatte ein schwarzes Fell. Aus dem Rücken wuchsen dreieckige Stacheln. Er sah gefährlich aus, doch schien er im Moment zu schlafen.
„Er sieht gutmütig und stark aus“, meinte Maus. „Vielleicht kann er Euch ja bei Eurem Kampf unterstützen. Ich bin zu schwach und zu klein um mit Euch gegen den Dämon zu kämpfen.“
„Also gut“, lies sich Heinz überzeugen, „Dann sollten wir jetzt hingehen und ihn fragen.“