Stella in Italien
Santa Maria di Leuca – Der Leuchtturm der Wünsche
Die Sonne stand hoch am Himmel, als Stella und Elio den schattigen Pfad entlangschlenderten, der vom „Montirò Hotel“ zu den sanften Olivenhainen von Santa Maria di Leuca führte. Zwischen den alten Bäumen summten Bienen, und eine leichte Brise trug den Duft von wildem Rosmarin und salziger Meeresluft heran.
"Es ist fast, als ob die Zeit hier langsamer vergeht," sagte Elio nachdenklich und strich mit der Hand über die silbrig-grünen Olivenblätter.
Stella nickte. "Das ist die Magie von Leuca. Hier treffen zwei Meere aufeinander, weißt du? Das Ionische und das Adriatische. Vielleicht fließt hier auch ein wenig Zeit mit ihnen zusammen."
Elio lächelte. "Ein perfekter Ort für ein neues Abenteuer."
Nach der kleinen Wanderung durch die Plantagen kehrten sie ins nahegelegene Café "Dolce Mare" ein, ein bunter Ort mit blauen Fensterläden, Tischen voller Keramikmuster und dem Geruch frisch gebackener Pasticciotti.
"Zwei Cappuccino, bitte. Und zwei von den Leccesi dort mit Creme," bestellte Stella mit einem Zwinkern.
Sie setzten sich in den schattigen Innenhof, wo bunte Lampions im Wind tanzten.
"Ich habe gelesen," begann Elio, "dass Santa Maria di Leuca einst als Tor zur Unterwelt galt. Die Griechen nannten es „Finibus Terrae“, das Ende der Welt."
"Vielleicht," flüsterte Stella, "ist es auch das Tor zu etwas anderem."
Sie zog ihr kleines, funkelndes Reiseamulett hervor. Ein zarter Lichtstrahl blitzte darin auf, kaum sichtbar, aber deutlich genug für Stella zu wissen: Etwas rief sie.
Am Abend stiegen sie gemeinsam die Treppen zum Leuchtturm von Leuca hinauf. Die Sonne senkte sich langsam ins Meer, und das Licht verwandelte das Wasser in ein glühendes Gold. Als sie oben ankamen, war der Leuchtturm menschenleer. Nur das Rauschen des Windes und das ferne Kreischen einer Möwe begleiteten sie.
"Hörst du das?" fragte Stella plötzlich.
Elio runzelte die Stirn. "Ein Flüstern?"
Sie trat näher an die alte Laterne des Leuchtturms heran, ihr Amulett leuchtete nun deutlich heller. Plötzlich begann der Boden leicht zu beben, und ein schmaler Spalt in der Steinwand öffnete sich, verborgen zwischen alten Marmorplatten.
"Bereit?" fragte sie und sah Elio an.
Er nickte, ohne zu zögern. "Immer."
Sie traten hindurch.
Ein grelles Licht umhüllte sie. Die Welt drehte sich, wurde laut, dann still. Als sie die Augen öffneten, standen sie auf einer steilen Klippe – aber alles war anders. Kein modernes Gebäude weit und breit. Stattdessen: weiße Tempel, einfache Steinbauten und Menschen in Gewändern.
"Willkommen im antiken Leuca," murmelte Elio ehrfürchtig.
Sie beobachteten, wie eine Prozession von Menschen zum Rand der Klippen zog. Vorneweg schritt ein alter Mann mit einem langen, blauen Umhang und einem goldenen Stab.
"Er muss ein Hohepriester sein," flüsterte Elio.
Stella trat näher. "Und schau! Dort vorne — eine Schale mit Wasser und ein kleiner, glänzender Stein."
Der Priester hob den Stein in die Höhe. "O Götter des Meeres, nehmt unseren Wunsch entgegen!"
Ein Junge trat vor. Er sah Stella direkt an, obwohl sie wusste, dass sie für normale Menschen unsichtbar sein sollten.
"Du bist nicht von hier," sagte er leise. "Du bist vom Licht."
Elio staunte. "Kann er uns sehen?"
Stella trat näher. "Vielleicht ist er ein Seher. Oder... einer von uns."
Der Junge überreichte Stella den Stein. "Er trägt einen Wunsch, der noch nicht erfüllt wurde. Bringt ihn zurück, wenn die Zeit reif ist."
Bevor sie etwas fragen konnten, verschwanden die Klippen im Nebel.
Mit einem Ruck standen sie wieder im Leuchtturm.
Es war Nacht geworden. Nur das Licht des Turms drehte sich langsam und warf silberne Kreise über das Wasser.
In Stellas Hand lag der kleine Stein. Er war warm.
"Was denkst du?" fragte Elio.
"Ich denke, wir haben gerade den ersten Wunsch gesammelt. Vielleicht gibt es noch mehr."
Elio sah hinaus aufs Meer. "Und ich denke, es ist an der Zeit, unsere Reise fortzusetzen."